Gehirn-gerecht lernen
Angst oder Panik? So unterscheidest du beides in der HPP-Prüfung
Herzrasen. Schweiß. Zittern. Atemnot. Schwindel.
Angst oder Panik?
Klingt erst einmal ziemlich ähnlich.
Und genau deshalb lohnt es sich für die Heilpraktikerprüfung für Psychotherapie, nicht einfach zwei Symptomlisten auswendig zu lernen, sondern zu verstehen, was eigentlich der Unterschied ist.
13. Oktober 2026 · von Janina Plagge
Angst ist erst einmal etwas völlig Normales und sogar ziemlich sinnvoll. Stell dir vor, du gehst abends allein durch einen dunklen Wald und plötzlich knackt es hinter dir. Dein Herz schlägt schneller, du wirst aufmerksamer, deine Muskeln spannen sich an und dein Körper macht sich bereit zu reagieren. Kämpfen oder fliehen? Angst soll uns vor einer möglichen Gefahr schützen. Das
kennen wir doch alle.
Nun ein anderes Beispiel: Du sitzt gemütlich auf dem Sofa und plötzlich siehst du eine dicke Spinne an der Wand hochkrabbeln. Dein Herz schlägt schneller, du bekommst schwitzige Hände und möchtest am liebsten sofort den Raum verlassen. Die Spinne ist hier ein ganz konkreter Auslöser deiner Angst. Ist die Spinne weg, lässt in der Regel auch die Angst wieder nach. Das nennen wir spezifischen Phobie. Sie geht diese Reaktion deutlich über eine normale Abneigung hinaus. Die Angst ist stark ausgeprägt und die Person beginnt möglicherweise sogar, Situationen zu vermeiden, in denen sie ihrem gefürchteten Objekt begegnen könnte.
Du sitztnun wieder auf deinem Sofa. Dieses Mal ist keine Spinne da. Eigentlich passiert überhaupt nichts. Plötzlich beginnt dein Herz zu rasen. Dir wird schwindelig, deine Hände zittern, du bekommst schlecht Luft und denkst: „Was passiert hier gerade? Ich kippe um. Ich bekomme einen Herzinfarkt. Vielleicht sterbe ich.“ Das ist eine Panikattacke. Es ist eine plötzlich auftretende Episode intensiver Angst mit starken körperlichen und psychischen Symptomen. Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Atemnot, Beklemmungsgefühle, Schmerzen in der Brust, Schwindel, Übelkeit, Kribbeln, Derealisation oder Depersonalisation können auftreten. Dazu können die Angst vor Kontrollverlust oder sogar Todesangst kommen. Für die betroffene Person fühlt sich das in diesem Moment absolut real an. Wenn dein Herz rast und du das Gefühl hast, keine Luft mehr zu bekommen, hilft dir ein „Das ist doch nur Angst“ herzlich wenig.
Für die HPP-Prüfung ist jetzt aber eine Unterscheidung besonders wichtig: Eine Panikattacke ist noch keine Panikstörung.
Eine Panikattacke kann auch im Rahmen anderer psychischer Störungen oder bestimmter Situationen auftreten. Bei der Panikstörung treten dagegen wiederholt schwere Angstattacken auf, die sich nicht auf eine bestimmte Situation oder besondere Umstände beschränken und deshalb häufig unvorhersehbar erscheinen.
Stell dir also vor:
Die Spinne krabbelt die Wand hoch → Angst tritt in Verbindung mit einem konkreten Objekt auf → denke an eine spezifische Phobie.
Keine Spinne, keine erkennbare Gefahr, eigentlich ist gerade alles in Ordnung – und trotzdem kommt plötzlich eine heftige Angstattacke → das ist eine Panikattacke. Prüfe, ob die Kriterien einer Panikstörung erfüllt sein könnten.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jede Angst mit erkennbarem Auslöser automatisch eine Phobie und jede plötzlich auftretende Angst automatisch eine Panikstörung ist. In der Prüfung musst du immer den gesamten Fall und die diagnostischen Kriterien betrachten. Als erste Orientierung hilft diese Unterscheidung aber enorm.
Und dann gibt es noch die generalisierte Angststörung. Hier stehen nicht die plötzlich auftretenden Panikattacken im Vordergrund, sondern anhaltende Ängste und Sorgen. Was, wenn meinem Kind etwas passiert? Was, wenn ich krank werde? Was, wenn wir finanzielle Probleme bekommen? Ist eine Sorge gerade halbwegs beruhigt, taucht schon die nächste auf. Dazu können beispielsweise Nervosität, Anspannung, Zittern, Schwitzen oder Herzklopfen kommen.
Ich merke mir das gerne bildlich:
Bei der Phobie hängt der Alarm an etwas Bestimmtem – zum Beispiel an unserer Spinne.
Bei der Panikattacke geht der Alarm plötzlich mit voller Lautstärke los.
Bei der generalisierten Angststörung ist das Alarmsystem gefühlt ständig in Bereitschaft.
Und dann gibt es noch einen Punkt, den du für die HPP-Prüfung unbedingt auf dem Schirm haben solltest. Stell dir vor, ein Patient sitzt vor dir und erzählt: „Plötzlich rast mein Herz, ich bekomme Schmerzen in der Brust, mir wird schwindelig und ich kann kaum atmen.“ Jetzt wäre es ziemlich ungünstig, sofort zu sagen: „Klarer Fall, Panikattacke.“ Solche Symptome können auch körperliche Ursachen haben. Deshalb gehört die somatische Differenzialdiagnostik unbedingt dazu. Je nach Beschwerden müssen beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen, Stoffwechselstörungen, neurologische Erkrankungen, Medikamente oder Substanzen mitgedacht werden. Gerade bei erstmalig auftretenden oder unklaren starken körperlichen Symptomen ist eine medizinische Abklärung wichtig.
Und noch etwas kann nach einer Panikattacke passieren: Die Person bekommt Angst vor der Angst.
Vielleicht hatte sie ihre erste Panikattacke beim Einkaufen. Beim nächsten Einkauf denkt sie schon vorher: „Was, wenn das wieder passiert?“ Also geht sie lieber nicht mehr allein. Irgendwann meidet sie vielleicht den Supermarkt ganz. Dann den Bus. Dann größere Menschenmengen. Kurzfristig fühlt sich das Vermeiden gut an, denn die gefürchtete Situation tritt nicht ein. Langfristig kann genau dieses Vermeidungsverhalten die Angst jedoch aufrechterhalten und der eigene Lebensradius wird immer kleiner.
Wenn du in der HPP-Prüfung einen Fall mit Angst bekommst, versuche deshalb nicht sofort, eine Diagnose herauszuhauen. Frag dich zuerst: Gibt es einen konkreten Auslöser? Kommt die Angst plötzlich und attackenartig? Treten die Attacken unabhängig von bestimmten Situationen auf? Stehen eher dauerhafte Sorgen und Befürchtungen im Vordergrund? Was vermeidet die Person? Und könnte eine körperliche Erkrankung oder eine Substanz die Beschwerden erklären?
Wenn dieses Grundgerüst sitzt, kannst du anschließend die diagnostischen Kriterien, Zeitkriterien und Differenzialdiagnosen daran hängen.
Meine F4 Lernwelt „Alles außer Kontrolle“
Die F4 besteht eben nicht nur aus Angst und Panik. Hier warten unter anderem auch Zwangsstörungen, Reaktionen auf schwere Belastungen und dissoziative Störungen auf dich. Und wenn du versuchst, all das ausschließlich über Definitionen und Tabellen zu lernen, kann das ziemlich schnell ziemlich viel werden. Ich arbeite deshalb auch hier zuerst mit Bildern, Situationen und Geschichten. Die ersetzen natürlich nicht dein Skript oder Fachbuch. Sie sorgen dafür, dass du zunächst verstehst, was du da eigentlich lernst, und geben dem Wissen einen Platz, an dem dein Gehirn es später wiederfinden kann.


