Ein Weihnachtsabend aus verschiedenen Perspektiven

F3 verstehen: Depression, Manie und bipolare 
Störung für die HPP-Prüfung lernen

 

 

 

 

11. Oktober 2026 · von Janina Plagge

 

Weihnachten. Die Familie sitzt gemeinsam am Tisch, überall leuchten Kerzen, das Essen steht bereit und eigentlich erleben alle denselben Abend. Eigentlich.

Denn während eine Person kaum Energie hat, sich am Gespräch zu beteiligen, redet eine andere ohne Punkt und Komma, schmiedet schon Pläne für drei neue Unternehmen und findet Schlaf sowieso völlig überbewertet. Und wieder jemand erlebt in diesem Jahr einen wunderschönen Weihnachtsabend, obwohl er im vergangenen Jahr kaum aus dem Bett gekommen ist.

 

Gleicher Weihnachtsabend. Unterschiedliches Erleben.

 

Als ich die affektiven Störungen gelernt habe, waren da plötzlich Depression, Manie, bipolare Störung, einzelne Episoden, rezidivierende Verläufe, unterschiedliche Schweregrade, somatisches Syndrom und jede Menge Zeitkriterien. Man kann natürlich versuchen, das alles als Tabellen auswendig zu lernen. Oder man lädt die F3 einfach zu Weihnachten ein. 

 

Stell dir vor, es ist Heiligabend. Die Familie sitzt am gedeckten Tisch. Eigentlich war Weihnachten für Henning immer etwas Schönes. Dieses Jahr empfindet er aber kaum Freude. Schon das Duschen und Anziehen haben sie unglaublich viel Kraft gekostet. Er sitzt still am Tisch, beteiligt sich kaum am Gespräch und denkt: „Warum kann ich mich nicht einfach freuen? Alle anderen schaffen das doch auch.“

 

Damit sind wir bereits mitten in den drei Hauptsymptomen einer depressiven Episode:

gedrückte Stimmung, Interessen- oder Freudverlust und verminderter Antrieb bzw. erhöhte Ermüdbarkeit.

Für die HPP-Prüfung reicht es allerdings nicht, einfach zu wissen: „Traurig = Depression.“

Eine Depression ist wesentlich mehr als Traurigkeit. Hinzukommen können beispielsweise Konzentrationsprobleme, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, pessimistische Zukunftsperspektiven, Schlafstörungen, verminderter Appetit und natürlich Suizidgedanken oder suizidale Handlungen. Gerade der letzte Punkt ist für deine spätere Arbeit und für die HPP-Prüfung enorm wichtig: Bei einer Depression muss Suizidalität aktiv abgeklärt werden. Und dann kommt das Zeitkriterium ins Spiel. Eine depressive Episode nach ICD-10 besteht in der Regel mindestens zwei Wochen. Für die Diagnose zählen außerdem Anzahl und Ausprägung der Haupt- und Zusatzsymptome. Daraus ergibt sich unter anderem die Einteilung in leichte, mittelgradige und schwere depressive Episoden. Du musst also nicht nur erkennen: „Henning wirkt depressiv.“ Du musst lernen zu fragen: Welche Symptome liegen vor? Wie viele? Wie stark? Seit wann? Und besteht Suizidalität?

 

Und dann betritt die Manie den Weihnachtsabend

Während Henning am liebsten früh ins Bett gehen würde, hat ihr Bruder Felix ganz andere Pläne. Felix hat in den vergangenen Tagen kaum geschlafen. Müde ist er trotzdem nicht. Im Gegenteil. Er redet schnell, springt von einem Thema zum nächsten und erklärt der Familie beim Weihnachtsessen, dass er eine fantastische Geschäftsidee hat. Nein – eigentlich sind es sieben.

Er wird eine Firma gründen, ein Buch schreiben, nebenbei einen Podcast starten und spätestens nächstes Weihnachten Millionär sein. Das notwendige Startkapital hat er vorsichtshalber schon einmal ausgegeben. Felix fühlt sich großartig.

Seine Familie findet die Sache inzwischen weniger großartig. Damit bekommst du ein Gefühl dafür, wie sich eine Manie zeigen kann. Typisch sind eine deutlich gehobene, expansive oder gereizte Stimmung und eine gesteigerte Aktivität. Hinzukommen können unter anderem gesteigerter Antrieb, Rededrang, vermindertes Schlafbedürfnis, Ablenkbarkeit, überhöhte Selbsteinschätzung und riskantes oder enthemmtes Verhalten.

 

Und hier steckt eine wichtige Prüfungsfalle:

Wenig schlafen und trotzdem voller Energie sein ist etwas anderes als wenig schlafen und völlig erschöpft sein.

Bei der Manie kann das Schlafbedürfnis deutlich vermindert sein. Die Person schläft vielleicht nur wenige Stunden und fühlt sich trotzdem leistungsfähig. Natürlich macht ein euphorischer Weihnachtsabend noch keine Manie. Auch hier brauchst du die entsprechenden diagnostischen Kriterien, die Dauer und die Beeinträchtigung des alltäglichen Lebens. Nach ICD-10 ist für eine Manie typischerweise eine Dauer von mindestens einer Woche relevant – oder eine kürzere Dauer, wenn die Symptomatik so ausgeprägt ist, dass eine stationäre Behandlung erforderlich wird.

 

Aber was ist dann eine Hypomanie?

Jetzt drehen wir Felix ein kleines Stück herunter. Er ist deutlich aktiver als sonst, schläft weniger, redet mehr, ist geselliger und voller Ideen. Die Veränderung fällt anderen auf. Aber sein Leben ist noch nicht so schwer beeinträchtigt wie bei einer ausgeprägten Manie. Dann musst du an die Hypomanie denken. 

 

Und was ist eine bipolare Störung?

Lerne Anton kennen. Zurück zu unserem Weihnachtsabend. Vielleicht kennt die Familie Anton ganz anders. Letztes Weihnachten saß er nämlich dort, wo heute Henning sitzt. Damals hatte er kaum Antrieb, konnte sich über nichts freuen und sah für seine Zukunft schwarz. Dieses Weihnachten schläft er kaum, redet ununterbrochen, fühlt sich unbesiegbar und macht Pläne, die seine Familie kaum noch nachvollziehen kann. Jetzt wird die Verlaufsgeschichte entscheidend.

Bei einer bipolaren affektiven Störung treten unterschiedliche affektive Episoden auf. Die Stimmung und das Aktivitätsniveau können dabei deutlich in unterschiedliche Richtungen verändert sein. Und genau deshalb ist für die Diagnostik nicht nur die Frage wichtig:  „Wie geht es Ihnen heute?“ sondern auch: „Gab es früher schon einmal Phasen, in denen es Ihnen völlig anders ging?“ Die aktuelle Episode allein erzählt dir möglicherweise nur einen Teil der Geschichte.

 

Was ist dann eine rezidivierende Depression?

Auch hier hilft uns Weihnachten.  Henning war vielleicht vor zwei Jahren schon einmal über mehrere Monate depressiv. Danach ging es ihm wieder gut. Nun entwickelt sie erneut eine depressive Episode, ohne dass in seiner Vorgeschichte manische oder hypomanische Episoden aufgetreten sind. Dann musst du unter anderem an eine rezidivierende depressive Störung denken.

Das Wort klingt komplizierter, als es ist. Rezidivierend = wiederkehrend.

Mehrere depressive Episoden, die durch Phasen ohne die entsprechende depressive Symptomatik voneinander getrennt sind.

 

Und genau hier zeigt sich, warum die Anamnese bei affektiven Störungen so wichtig ist. Wenn du nur den aktuellen Weihnachtsabend betrachtest, siehst du eine Depression. Wenn du die vergangenen Weihnachtsabende kennst, erkennst du möglicherweise den Verlauf. Achtung: Depression ist nicht automatisch F32 Das ist für die HPP-Prüfung ein wichtiger Gedanke.

Ein depressives Erscheinungsbild kann unterschiedliche Ursachen und diagnostische Einordnungen haben. Neben einer depressiven Episode oder rezidivierenden depressiven Störung müssen beispielsweise bipolare Verläufe, organische Ursachen, Medikamente und Substanzen sowie andere psychische Erkrankungen differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden.

Stell dir vor, jemand sitzt vor dir mit Antriebsmangel, Schlafproblemen und gedrückter Stimmung. Bevor du gedanklich sofort F32 auf den Weihnachtsbaum hängst, brauchst du weitere Informationen. Seit wann bestehen die Symptome? Welche Symptome liegen genau vor? Gab es früher schon depressive Episoden? Gab es irgendwann Phasen mit ungewöhnlich gehobener Stimmung und gesteigertem Antrieb? Werden Medikamente oder Substanzen eingenommen? Könnte eine körperliche Erkrankung dahinterstecken? Und ganz wichtig: Besteht Suizidalität?

 

So würde ich die F3 für die HPP-Prüfung lernen

Versuche nicht, als Erstes sämtliche F30er-Nummern, Untergruppen und Zeitkriterien gleichzeitig in deinen Kopf zu bekommen.

Stell dir zunächst unseren Weihnachtsabend vor.

 

Henning sitzt erschöpft am Tisch. Freude, Interesse und Antrieb sind vermindert. → Depression

Felix schläft kaum, redet ohne Ende, ist voller Energie und überschätzt seine Möglichkeiten. → Manie

Felix ist deutlich „höher“ als sonst, aber die Ausprägung erreicht nicht das Bild einer Manie. → Hypomanie

Anton erlebt im Verlauf deutlich unterschiedliche affektive Episoden. → bipolaren Verlauf mitdenken

Henning erlebt wiederholt depressive Episoden ohne manische Vorgeschichte. → rezidivierende depressive Störung mitdenken

Damit steht dein Weihnachtsbaum. 🎄

 

Jetzt kannst du die Kugeln dranhängen: Hauptsymptome, Zusatzsymptome, Schweregrade, Zeitkriterien, somatisches Syndrom, psychotische Symptome, Differenzialdiagnosen und Behandlung.

Das ist für mich gehirn-gerechtes Lernen. Ich versuche nicht, weniger Fachwissen zu lernen. Ich gebe dem Fachwissen zuerst ein Bild und eine Geschichte, an die ich es anschließend hängen kann.

 

Warum Weihnachten?

Weil sich affektive Störungen besonders gut über unterschiedliches Erleben derselben Situation verstehen lassen.

Fünf Menschen können am selben Tisch sitzen. Sie sehen denselben Weihnachtsbaum, essen dasselbe Essen und hören dieselbe Musik – und trotzdem kann ihre innere Welt vollkommen unterschiedlich aussehen.

Genau daraus ist mein F3-Lernheft „Weihnachtsabend“ entstanden. Du lernst die affektiven Störungen nicht nur als Diagnosecodes kennen, sondern erlebst den Abend aus verschiedenen Perspektiven. Anschließend geht es natürlich tiefer in die Fachinhalte: Symptome, Zeitkriterien, Schweregrade, Diagnosestellung, Differenzialdiagnosen und Behandlung.

Die Geschichte ersetzt dein Skript und dein Fachbuch nicht. Sie gibt dem Wissen einen Platz, an dem dein Gehirn es wiederfinden kann.

 

 

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